Es gibt Filme, bei denen man schon nach wenigen Minuten merkt, dass man sich auf ein klassisches Krimirätsel eingelassen hat. Ein überschaubarer Kreis von Verdächtigen, eine düstere Atmosphäre, jede Menge Geheimnisse und natürlich ein Mord, der eigentlich gar nicht möglich sein dürfte. Genau in diese Kerbe schlägt „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“, der dritte Fall für Benoit Blanc.
Nach „Knives Out“ und „Glass Onion“ schickt Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson seinen exzentrischen Ermittler erneut auf Mördersuche. Diesmal führt ihn der Fall allerdings nicht in ein luxuriöses Herrenhaus oder auf eine griechische Privatinsel, sondern in eine kleine Kirchengemeinde im Bundesstaat New York. Dort geschieht während eines Gottesdienstes ein scheinbar unmögliches Verbrechen.
Ein Mord in der Kirche
Im Mittelpunkt steht der junge Priester Father Jud Duplenticy, gespielt von Josh O’Connor. Er gerät nach einem Konflikt mit Monsignor Jefferson Wicks, dargestellt von Josh Brolin, zunehmend unter Druck. Als Wicks während eines Gottesdienstes tot aufgefunden wird, fällt der Verdacht schnell auf Jud.
Doch die Umstände des Todes geben selbst dem erfahrenen Benoit Blanc Rätsel auf. Polizeichefin Geraldine Scott, gespielt von Mila Kunis, bittet ihn deshalb um Hilfe. Blanc muss herausfinden, was tatsächlich passiert ist – und vor allem, wie ein Mord geschehen konnte, der zunächst jeder logischen Erklärung widerspricht.
Damit orientiert sich „Wake Up Dead Man“ stärker am klassischen Rätselkrimi als sein unmittelbarer Vorgänger „Glass Onion“. Rian Johnson greift dabei die Tradition der sogenannten „Impossible Crime“-Geschichten auf. Auch die klassischen Father-Brown-Geschichten von G. K. Chesterton und Agatha Christies „Murder at the Vicarage“ gehören zu den literarischen Einflüssen des Films.
Benoit Blanc bleibt Benoit Blanc
Daniel Craig macht erneut deutlich, warum Benoit Blanc zu den interessantesten modernen Film-Detektiven gehört. Blanc ist weiterhin brillant, exzentrisch und gelegentlich herrlich überdreht. Gleichzeitig wirkt seine Figur diesmal etwas stärker in die eigentliche Geschichte eingebunden.
Besonders gelungen ist das Zusammenspiel mit Josh O’Connor. Father Jud ist nicht einfach nur ein weiterer Verdächtiger, sondern eine Figur mit eigenen Überzeugungen, Zweifeln und Konflikten. Der religiöse Hintergrund des Falles wird dadurch nicht nur zur Kulisse für den Mord, sondern zu einem wichtigen Bestandteil der Geschichte.
Überhaupt ist die Besetzung wieder ausgesprochen prominent. Neben Craig, O’Connor und Brolin gehören unter anderem Glenn Close, Kerry Washington, Andrew Scott, Jeremy Renner, Cailee Spaeny und Thomas Haden Church zum Ensemble.
Glenn Close sticht dabei besonders hervor. Ihre Figur Martha Delacroix ist eine jener Personen, bei denen man als Zuschauer nie genau weiß, ob man ihr gerade glauben sollte oder besser nicht. Close spielt diese Mischung aus Selbstsicherheit, Härte und unterschwelliger Bedrohlichkeit mit sichtlichem Vergnügen.
Düsterer als die Vorgänger
Was mir an „Wake Up Dead Man“ besonders gefällt, ist die Atmosphäre. Der Film wirkt deutlich düsterer und stellenweise sogar etwas unheimlich. Die Kirche, die religiösen Konflikte und die Geschichte der Gemeinde geben dem Film einen eigenen Charakter.
Trotzdem bleibt Johnson seinem Grundprinzip treu: Der Film nimmt sein Krimirätsel ernst, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. Zwischen den düsteren Momenten gibt es immer wieder trockenen Humor und Situationen, die typisch für die „Knives Out“-Reihe sind.
Dabei ist der Film mit seinen rund zweieinhalb Stunden durchaus lang. Das fällt nicht ständig negativ auf, denn es gibt viele Figuren und Hinweise zu verarbeiten. Trotzdem hätte die Geschichte an der einen oder anderen Stelle etwas kompakter erzählt werden können.
Ein Krimi zum Miträtseln
Was „Wake Up Dead Man“ für mich besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass man als Zuschauer tatsächlich miträtseln kann. Rian Johnson wirft einem nicht einfach nur eine überraschende Wendung nach der anderen vor die Füße. Stattdessen werden Hinweise verteilt, Zusammenhänge angedeutet und Verdächtige aufgebaut.
Natürlich funktioniert das nur, wenn man sich darauf einlässt. Wer bei einem Krimi bereits nach den ersten zehn Minuten wissen möchte, wer der Täter ist, wird möglicherweise ungeduldig. Wer dagegen Freude daran hat, Theorien aufzustellen und sich anschließend von ihnen wieder verabschieden zu müssen, bekommt hier einiges geboten.
Und genau das ist für mich die große Stärke der „Knives Out“-Filme: Sie erinnern daran, dass ein guter Krimi nicht unbedingt kompliziert sein muss. Er muss vor allem neugierig machen.
„Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“ ist für mich eine gelungene Fortsetzung der Reihe. Rian Johnson erzählt erneut einen eigenständigen Fall und verändert gleichzeitig Ton und Atmosphäre. Der Film ist düsterer als „Glass Onion“, bleibt aber dem humorvollen und verspielten Stil der Reihe treu.
Daniel Craig hat als Benoit Blanc inzwischen eine Figur gefunden, die ihm ausgesprochen gut steht. Noch wichtiger ist allerdings, dass der Film nicht ausschließlich von seinem Star lebt. Josh O’Connor, Glenn Close und der restliche Cast sorgen dafür, dass auch die vielen Verdächtigen interessant bleiben.
Wer klassische Whodunit-Krimis mag, bekommt hier einen unterhaltsamen und angenehm verschachtelten Fall. Und wer die ersten beiden Benoit-Blanc-Filme mochte, dürfte sich ohnehin schnell wieder zu Hause fühlen.
Für mich ist „Wake Up Dead Man“ deshalb weniger eine bloße Fortsetzung als ein weiterer gelungener Ausflug in die Welt des klassischen Kriminalfilms – mit einem sehr modernen Blick auf Glauben, Schuld, Moral und die menschlichen Schwächen dahinter.
