Manche Bücher liest man nicht einfach nur. Man taucht in sie ein. So ging es mir jetzt erneut mit 20.000 Meilen unter dem Meer von Jules Verne. Nachdem ich vor kurzem bereits die ZDF-Serie Nautilus besprochen habe, wollte ich zurück zum Ursprung – zurück auf die Nautilus, zurück zu Kapitän Nemo.
Meine Gedanken zur Serie findet ihr übrigens hier:
Nautilus (ZDF Mediathek): Zwischen Abenteuerlust und verschenkter Tiefe
Schon erstaunlich, wie modern sich dieser Roman von 1869 heute noch anfühlt. Natürlich merkt man dem Buch sein Alter an: lange wissenschaftliche Beschreibungen, ausführliche Aufzählungen von Fischarten und ein Erzähltempo, das deutlich gemächlicher ist als heutige Abenteuerliteratur. Aber genau darin liegt auch ein Teil seines Charmes.
Denn Verne wollte nie einfach nur Action liefern. Er wollte Staunen erzeugen.
Die Geschichte rund um Professor Aronnax, seinen Diener Conseil und den Harpunier Ned Land beginnt wie ein klassischer Abenteuerroman: Ein mysteriöses Seeungeheuer bedroht Schiffe auf den Weltmeeren. Schnell stellt sich heraus, dass hinter den Sichtungen kein Monster steckt, sondern ein hochmodernes Unterseeboot – die Nautilus.
Kapitän Nemo – Held, Visionär oder gebrochener Mensch?
Und dann betritt er die Bühne: Kapitän Nemo.
Bis heute gehört Nemo für mich zu den faszinierendsten Figuren der Literaturgeschichte. Kein eindeutiger Held, kein klassischer Bösewicht. Ein Mann voller Widersprüche. Hochgebildet, visionär, melancholisch und voller Wut auf die Welt der Menschen. Gerade diese Ambivalenz macht ihn so spannend.
Während moderne Verfilmungen oft versuchen, ihn klarer einzuordnen, bleibt er im Roman bewusst geheimnisvoll. Genau das macht den Reiz der Figur aus.
Ein erstaunlich moderner Klassiker
Interessant ist auch, wie visionär Jules Verne damals dachte. Elektrisch betriebene Unterseeboote waren zur Entstehungszeit des Romans noch weit von der Realität entfernt. Trotzdem entwarf Verne mit der Nautilus eine technische Zukunftsvision, die ihrer Zeit weit voraus war.
Beim Wiederlesen fiel mir außerdem auf, wie sehr das Buch zwischen Abenteuer und Melancholie schwankt. Natürlich gibt es die großen ikonischen Momente: Kämpfe mit Riesenkalmaren, versunkene Städte, die Reise zum Südpol oder die faszinierende Unterwasserwelt.
Doch unter all dem liegt ständig eine gewisse Traurigkeit. Nemo wirkt wie jemand, der vor der Menschheit geflohen ist, ohne jemals wirklich Frieden zu finden.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Figur bis heute funktioniert.
Serie und Buch – zwei unterschiedliche Reisen
Die aktuelle ZDF-Serie versucht stärker auf Action, Hintergrundgeschichte und Emotionalität zu setzen. Das funktioniert teilweise gut, entfernt sich aber auch deutlich vom Geist des Romans.
Während die Serie das Abenteuer stärker in den Vordergrund rückt, lebt das Buch vor allem vom Gefühl des Entdeckens – und von der Faszination für das Unbekannte.
Und trotzdem ergänzen sich beide Versionen erstaunlich gut.
Die Serie hat bei mir vor allem eines geschafft: Sie hat mich zurück zum Buch gebracht. Und das ist vermutlich eines der größten Komplimente, das man einer modernen Adaption machen kann.
Wer also nur die Serie kennt, sollte unbedingt einmal den Roman lesen. Auch heute noch lohnt sich die Reise mit der Nautilus – selbst wenn man dabei gelegentlich durch seitenlange Beschreibungen von Meeresbewohnern tauchen muss.
Denn am Ende bleibt 20.000 Meilen unter dem Meer genau das, was ein Klassiker sein sollte: ein Abenteuer, das auch über 150 Jahre später noch die Fantasie anregt.
